In der Zeit zwischen dem Verfassen dieses Beitrags und dem Moment, in dem Sie ihn lesen, hat sich die Leistungsfähigkeit von KI-Tools wahrscheinlich schon wieder um ein Vielfaches weiterentwickelt. Mit jedem Modell erweitern sich auch die Einsatzgebiete: Sei es das Verfassen von E-Mails, das Analysieren komplexer Datenmengen oder die Unterstützung beim Schreiben dieses Textes (und ja, natürlich nutze ich KI als Sparringspartner und um Texte wie diesen zu schärfen). In Zukunft wird KI wahrscheinlich ganze Prozesse autonom steuern und komplexe strategische Entscheidungen vorbereiten.
Doch bei all diesen Fähigkeiten bleibt ein Faktor entscheidend: KI ist kein Mensch. Sie kann Empathie simulieren und durch Avatare nahbarer wirken, eine echte zwischenmenschliche Beziehung und das Übernehmen von Verantwortung bleibt jedoch uns Menschen vorbehalten. Genau deshalb ging es bei der heurigen Tax Tech Konferenz 2026, in dem von mir moderierten Panel, um den Menschen im Zentrum des technologischen Wandels. Denn die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Einkauf neuer Tools, sondern darin, wie wir damit arbeiten: Wie lernen junge Talente ihr Handwerk, wie nehmen Führungskräfte ihre Teams mit und wie schaffen wir es, als strategische Partner echten Mehrwert für unsere Klient:innen zu generieren?
In diesem Beitrag möchte ich die Gedanken unseres Panels vertiefen, den Blick gezielt auf die Veränderungen in der Steuerberatung durch KI richten und zeigen, warum der Mensch im Mittelpunkt dieser Transformation stehen muss.
Ausbildung im KI-Wandel: vom Ausarbeiten zum Validieren
Technologischer Fortschritt war schon immer ein konsequenter Begleiter der Menschheit. Es sollte daher kein neues Phänomen sein, dass sich die Arbeitsweisen wandeln. Während man früher zum Recherchieren ausschließlich Bibliotheken nutzte, wuchs meine Generation zusätzlich mit Online-Datenbanken auf und heute gehört KI ganz selbstverständlich dazu. Jede dieser Innovationen hat uns dazu gezwungen, umzudenken und uns anzupassen. Auch ich arbeite heute völlig anders als noch vor fünf Jahren.
Doch genau dieser technologische Wandel stellt uns in der Aus- und Weiterbildung sowie im Arbeitsalltag vor eine neue Herausforderung. Durch den Wegfall der klassischen Basisarbeit verändert sich die Art und Weise, wie Fachwissen überhaupt erworben wird. KI-Tools übernehmen mittlerweile die Recherche, fassen lange Dokumente zusammen und erledigen einfache Vorbereitungen in Sekundenschnelle. Noch vor wenigen Jahren eigneten sich Berufseinsteiger:innen, wie auch ich, ihr fachliches Wissen durch genau dieses zeitintensive, manuelle Ausarbeiten an.
Wenn dieser manuelle Lernweg nun wegfällt, stehen wir vor der Frage, wie Berufseinsteiger:innen die nötige fachliche Tiefe aufbauen, wenn die Vorarbeit auf Knopfdruck passiert. Denn an einem fundierten Fachwissen und der entsprechenden Ausbildung führt weiterhin kein Weg vorbei, da auch die nachfolgende Generation die volle fachliche Verantwortung für die Ergebnisse tragen muss. Die Ausbildung wird daher keineswegs überflüssig, nur ihre Vermittlung wird sich im Arbeitsalltag ändern müssen. So entsteht Fachwissen nicht mehr durch das reine Ausarbeiten, sondern es muss künftig von Beginn an durch Prüfen, Verstehen und Einordnen aufgebaut werden. Anstatt stundenlang starr Literatur zu wälzen, müssen junge Talente z.B. durch „Reverse Engineering“ lernen. Dazu nehmen sie KI-Ergebnisse systematisch auseinander, hinterfragen die rechtliche Herleitung und prüfen die Aussagen eigenständig anhand von Gesetzestexten, Literatur und Judikatur. Die Kernkompetenzen der Zukunft sind daher neben sozialer Intelligenz (siehe unten) auch genau dieses kritische Denken, Hinterfragen und Validieren, um Fehler oder Halluzinationen einer KI überhaupt zu erkennen. Die KI ist ein hervorragender Sparringspartner, ersetzt aber niemals das eigene Fundament.
Idealerweise lernen junge Talente bereits an Universitäten und Fachhochschulen den methodischen Umgang mit KI-Tools. Die Unternehmen müssen dann nicht bei den absoluten Grundlagen ansetzen, sondern können gezielt darauf aufbauen und die fachspezifische Tiefe und Praxisreife vermitteln.
Leadership im KI-Wandel: vom Anweisen zum gemeinsamen Lernen
Damit dieser Lernprozess in der Praxis gelingt, braucht es auch ein grundlegendes Umdenken im Leadership. Lernen darf keine Einbahnstraße mehr von oben nach unten sein, sondern ein Dialog auf Augenhöhe. Während erfahrene Expert:innen ihr Praxiswissen und ihre Beratungskompetenz weitergeben, zeigen jüngere Talente mit ihrer natürlichen Tech-Affinität, wie man neue Tools effizient integriert. Unternehmen und deren Führungskräfte müssen offen dafür sein, Traditionen aufzubrechen und Ausbildung als partnerschaftlichen Austausch zu verstehen.
Neben der Ausbildung ist eine weitere große Herausforderung im Leadership, die Mitarbeiter:innen für neue Tools zu begeistern. Abseits der Sorge um die Relevanz der eigenen Rolle oder der Befürchtung, durch KI ersetzt zu werden, steht oft das Festhalten an gewohnten Abläufen im Weg. Wenn etablierte Prozesse bislang verlässlich funktioniert haben, erschließt sich der Einarbeitungsaufwand für neue Systeme auf den ersten Blick oft nicht. Hier sind Führungskräfte gefordert ihren Mitarbeiter:innen zuzuhören, einen geschützten Raum für Bedenken zu bieten und den Mehrwert transparent zu vermitteln.
Damit dieser Wandel gelingt, braucht es Investitionen in zielgerichtete Schulungen und feste Ansprechpersonen. Ergänzend dazu helfen sogenannte „Early Adopter“, also Kolleg:innen, die sich vorab intensiv mit neuen Tools auseinandersetzen und als technologieaffine Multiplikatoren das Team mitnehmen. Unternehmen müssen diesen Wandel aktiv und gemeinsam gestalten und der erste Impuls muss jedenfalls von der Führungsebene kommen.
Dabei muss auch klar sein, dass die Integration von KI kein Nebenprojekt ist, sondern aktiv adressiert werden muss. Es handelt sich um eine komplett neue Art zu arbeiten, die Zeit zum Ausprobieren erfordert, bevor sie selbstverständlich in den Arbeitsalltag übergehen kann. Dieser Prozess ist den Einsatz jedoch mehr als wert, da künftig kein Weg an der Nutzung vorbeiführen wird. Das Leadership darf dies daher nicht als bloßen Trend oder reine Soft-Skill-Fortbildung betrachten, sondern als strategische Kernkompetenz, die durch explizite Teams, die IT sowie ausreichende zeitliche und finanzielle Ressourcen aufgebaut und kontinuierlich geschult werden muss. Aufgrund der rasanten technischen Entwicklung handelt es sich dabei um einen fortlaufenden Lernprozess.
Beratung im KI-Wandel: von der Ausführung zur strategischen Begleitung
Der Mensch steht nicht nur intern bei Führung und Ausbildung im Mittelpunkt, sondern ebenso extern, in den Geschäftsbeziehungen und der Zusammenarbeit mit den Klient:innen. Angesichts der massiv steigenden steuerlichen Komplexität und neuer regulatorischer Hürden, suchen Unternehmen heute dringender denn je eine verlässliche, vorausschauende Begleitung. Sie wollen jemanden auf Augenhöhe, mit der/dem sie komplexe Entscheidungen im vertrauensvollen Gespräch durchdenken können.
Wenn KI künftig einen Großteil der fachlichen Recherche und Vorarbeit übernimmt, schrumpft die rein operative Ausführungsarbeit und es entsteht wertvolle freie Zeit für genau diese strategische Beratung und Zusammenarbeit.
Doch auch hier liegt die Kernkompetenz darin, die KI generierten Ergebnisse auf die konkrete Situation der Klient:innen zu übertragen und sie in diesem Prozess zu begleiten. Dieses Zusammenspiel aus fachlicher Einordnung, wirtschaftlichem Verständnis und echter zwischenmenschlicher Begleitung kann noch lange nicht durch KI ersetzt werden.
Fazit: Die Maschine beschleunigt, der Mensch trägt die Verantwortung
Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass Menschen als Expert:innen keineswegs überflüssig werden, ganz im Gegenteil. Die Symbiose aus menschlicher Expertise und KI, schafft einen enormen Vorteil, weshalb tiefgreifendes Fachwissen essenziell bleibt. Erst dieses Fundament ermöglicht jene „Taste and Judgment“-Kompetenz, d.h. das feine Gespür für Nuancen, das kritische Validieren von Ergebnissen und das souveräne Treffen von Entscheidungen. Auf diese Weise können Expert:innen durch den gezielten Technologieeinsatz ihre Beratungsqualität massiv steigern und einen echten Mehrwert schaffen.
Die KI liefert uns Entwürfe, beschleunigt Recherchen und nimmt uns manuelle Routinen ab, doch die Verantwortung, die Einordnung und das Vertrauen bleiben immer bei uns Menschen. Unsere Arbeit besteht eben nicht nur aus Paragrafen und Zahlen, sondern begleitet oft weitreichende unternehmerische und persönliche Entscheidungen. Genau hier lassen sich echtes Verständnis und ein vertrauensvolles Gespräch durch keine Technologie ersetzen.
Wer neue Tools sinnvoll in den Kanzleialltag integriert, gewinnt vor allem eines: wertvolle Zeit. Wenn wir diesen Freiraum nutzen, um unseren Nachwuchs anders auszubilden, Leadership partnerschaftlich zu leben und den Fokus wieder auf echte strategische Beratung zu legen, ist dieser Wandel eine echte Bereicherung.
Denn am Ende ist es wie bei jedem technologischen Wandel, den unsere Branche bisher erlebt hat: Es verändert sich das Werkzeug, aber der Anspruch an Qualität, das kritische Hinterfragen und die menschliche Verbindung bleiben gleich.


