Gastbeitrag

Digitale Prüfung & Next Gen Wirtschaftsprüfung

21. Mai 2026

Von Checklisten und PDFs zu datengetriebenem Urteil

„Digital ist nicht nur der Workflow – digital ist die Prüfungslogik. Technologie liefert Signale, das professionelle Urteil liefert Bedeutung.“

Diese Aussage bringt auf den Punkt, worum es bei digitaler Abschlussprüfung tatsächlich geht. Für viele kleine und mittlere Prüfungsbetriebe bedeutet Digitalisierung heute vor allem eines: effizientere Abläufe. Arbeitspapiere sind elektronisch, Prüfungsprogramme liegen als PDFs vor, Checklisten werden digital abgearbeitet. Das erleichtert Organisation und Dokumentation – verändert aber häufig noch nicht die Art, wie geprüft wird.

Genau hier liegt das Spannungsfeld: Zwischen formaler Ordnung und prüfungslogischer Erkenntnis. Und damit auch die Frage, wie Digitalisierung so eingesetzt wird, dass sie nicht nur Zeit spart, sondern die Qualität und Tragfähigkeit des Bestätigungsvermerks stärkt.

Digitalisierung endet oft beim Dokument, nicht bei der Prüfungslogik

Im KMU-Prüfungsumfeld sind die Rahmenbedingungen klar: begrenzte Ressourcen, wenig Spezialisierung, hoher Effizienzdruck. Digitalisierung wird daher oft pragmatisch verstanden – als Mittel, um bestehende Prüfungsprozesse schneller oder papierlos abzubilden. Digitale Ordner ersetzen Aktenschränke, strukturierte Vorlagen ersetzen lose Checklisten.

Was häufig fehlt, ist die konsequente Weiterentwicklung der Prüfungslogik selbst. Prüfungen orientieren sich weiterhin stark an standardisierten Programmen, während Datenanalysen, Systemlogiken oder automatisierte Auswertungen nur punktuell eingesetzt werden. Das professionelle Urteil bleibt formell vorhanden, wird aber oft erst am Ende benötigt, anstatt die Prüfung von Beginn an zu steuern.

Digitale Prüfung bleibt so auf der Oberfläche – obwohl ihr eigentliches Potenzial im Kern der risikoorientierten Entscheidungsfindung liegt.

Daten sind vorhanden – aber prüfungslogisch nicht verankert

Ein zentrales Hemmnis für datengetriebene Prüfungen ist weniger die technische Reife der Mandanten, sondern der fehlende oder eingeschränkte Zugang aus Prüfersicht.

Typische Fragen lauten:

  • Welche Auswertungen stehen tatsächlich zur Verfügung?
  • Habe ich Zugriff auf Journale, Nebenbücher, Projektlogiken oder Bewertungsgrundlagen?
  • Kann ich Daten vollständig und nachvollziehbar analysieren – oder nur ausschnittsweise?

Gerade bei kleineren und mittleren Unternehmen sind viele Prozesse systemisch abgebildet: Teilrechnungen, automatische Umbuchungen, einfache, konsistent angewendete Bewertungslogiken. Wenn Prüfer:innen hier versuchen, Sicherheit durch kleinteiliges Nachrechnen einzelner Belege oder Stunden zu erzielen, führt das selten zu einem besseren Prüfungsurteil. Häufig steigt der Aufwand, nicht aber die Qualität der Aussage, die den Bestätigungsvermerk trägt.

Digitale Prüfung heißt daher nicht „mehr Daten“, sondern gezielte Daten zur Unterstützung zentraler Prüfungsurteile.

Next Gen Wirtschaftsprüfung: Die eigentliche Bremse

Der zentrale Engpass auf dem Weg zur „Next Gen Wirtschaftsprüfung“ ist keine Generationenfrage, sondern eine Frage der prüfungslogischen Sicherheit. Cloud-Anwendungen, KI-gestützte Werkzeuge und neue Analyseformen werden vielfach als intransparent wahrgenommen – nicht aus Ablehnung, sondern aus Verantwortung.

Im Mittelpunkt stehen berechtigte Fragen:

  • Wo liegen die Daten?
  • Wer verarbeitet sie?
  • Wie ist die berufsrechtliche Verschwiegenheit sichergestellt?
  • Und wann wird der Einsatz eines Tools haftungsrelevant für die Prüferin oder den Prüfer?

Diese Unsicherheiten wirken auf mehreren Ebenen. Einerseits besteht Zurückhaltung gegenüber cloudbasierten Lösungen, insbesondere wenn bestehende Kanzleisoftware stabil am eigenen Server läuft. Ein Softwarewechsel bedeutet Umstellung, Schulungsaufwand und zusätzliche Belastung im Prüfungsalltag. Gleichzeitig bieten viele etablierte Prüfungssoftwares noch zu wenig fundierte Datenanalysen oder sinnvoll integrierte KI-Funktionen. Das Ergebnis ist ein Nebeneinander aus neuen Insellösungen und bewährten Altsystemen – mit der verständlichen Tendenz, beim Bekannten zu bleiben.

Andererseits stellt sich eine Ausbildungsfrage: Wie sollen Prüfer:innen Kompetenzen in datenbasierter Risikoanalyse und Systemverständnis entwickeln, wenn jene, die anleiten und ausbilden, selbst keine ausreichende Sicherheit im Umgang mit diesen Werkzeugen haben?

Lösungsansatz: Digitale Prüfungslogik als Entlastung des Urteils

Ein tragfähiger Weg liegt nicht im Ersatz des professionellen Urteils durch Technologie, sondern in dessen gezielter Entlastung.

Digitale Prüfungslogik bedeutet: Werkzeuge liefern strukturierte Informationen und Signale – das Prüfungsurteil bleibt vollständig beim Menschen.

Datenanalysen dienen der Risikoidentifikation und Plausibilisierung, nicht der Vollprüfung. Systemlogiken helfen, Annahmen nachzuvollziehen, ersetzen aber keine fachliche Würdigung. Dokumentiert wird nicht das Tool-Ergebnis, sondern die begründete Interpretation der Prüferin oder des Prüfers. Genau das ist berufsrechtlich sauber – und stärkt die Nachvollziehbarkeit des Bestätigungsvermerks.

Weniger mechanischer Aufwand, mehr begründetes Urteil

Checklisten behalten ihre Berechtigung: Sie sichern Struktur, Vollständigkeit und Revisionssicherheit. Kritisch wird es dort, wo ihre Abarbeitung mit Erkenntnis gleichgesetzt wird. Eine moderne Prüfungslogik zielt darauf ab, mechanische Tätigkeiten zu reduzieren und Raum für das zu schaffen, was den BV trägt: eine nachvollziehbare, risikoorientierte Schlussfolgerung.

Technologie kann hier unterstützen, indem sie Auffälligkeiten sichtbar macht. Bedeutung entsteht jedoch erst durch fachliche Einordnung – im Kontext von Geschäftsmodell, Prozesslogik und Rechnungslegung.

Chance für kleine und mittlere Prüfungsbetriebe

Gerade kleinere und mittlere Prüfungsbetriebe haben gute Voraussetzungen, Prüfungsansätze weiterzuentwickeln: Nähe zum Mandanten, kurze Entscheidungswege und wenig Konzernbürokratie. Wer Digitalisierung bewusst als Mittel zur Verbesserung der Prüfungslogik – nicht nur des Workflows – einsetzt, kann Prüfungen effizienter gestalten und gleichzeitig die Qualität des Bestätigungsvermerks erhöhen.

Eine Wirtschaftsprüfung, die Daten nutzt, um Risiken besser zu verstehen, und das professionelle Urteil ins Zentrum stellt, bleibt anspruchsvoll. Aber genau darin liegt ihre fachliche Attraktivität und Zukunftsfähigkeit.

Diskussionsanstoß zum Mitnehmen:

  • Wo endet bei euch Digitalisierung – beim Workflow oder bei der Prüfungslogik?
  • Welche Daten oder Systemzugriffe fehlen euch heute am häufigsten für tragfähige Prüfungsurteile?
  • Und wie stellt ihr sicher, dass Technologie das Urteil unterstützt – und nicht verdeckt?

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Audit Quality – WP Mag.(FH) Uli Köfler: Übersicht | LinkedIn

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