Gastbeitrag

Digitalisierung und Predictive Analytics in der Finanzverwaltung

16. Juli 2025

Die digitale Transformation verändert die öffentliche Verwaltung grundlegend. Insbesondere in der Finanzverwaltung eröffnen moderne Datenanalysemethoden neue Perspektiven für eine vorausschauende und effizientere Steuerung. Predictive Analytics – also die datenbasierte Vorhersage künftiger Entwicklungen – gilt dabei als Technologie, um Ressourcen gezielter einzusetzen, Risiken frühzeitig zu erkennen und Entscheidungen fundierter zu treffen.

Daten als strategisches Asset

Die Finanzverwaltung verfügt über einen historisch gewachsenen Datenreichtum, der in der Vergangenheit vor allem zur Dokumentation und Einzelfallbearbeitung genutzt wurde. Mit der zunehmenden Digitalisierung entstehen jedoch neue Möglichkeiten, diese Daten zu analysieren und daraus Muster und Prognosen abzuleiten. Predictive Analytics ermöglicht die frühzeitige Erkennung von Entwicklungen, etwa bei neuen Betrugsmustern oder bei betrugsanfälligen Strukturen.

Diese Entwicklung markiert den Übergang von einer rückblickend orientierten zu einer vorausschauenden Verwaltung, die nicht nur auf Ereignisse reagiert, sondern aktiv vorbereitet und steuert.

Digitalisierung ist mehr als Automatisierung

Die vergangenen Jahre waren stark geprägt von der Automatisierung einzelner Prozesse – etwa bei Steuerbescheiden, Kommunikation mit Unternehmen oder der Bearbeitung von Anträgen. Doch die Perspektive hat sich gewandelt: Digitalisierung bedeutet heute nicht mehr nur effizientere Abläufe, sondern intelligente, lernende und vernetzte Systeme. Im Zentrum stehen Daten, KI und organisationsübergreifende Interoperabilität. Die Einbindung von KI-basierten Analyseverfahren eröffnet neue Möglichkeiten, etwa im Risikomanagement, bei Prüfstrategien oder in der Personalplanung.

Der Mensch im Zentrum

So sehr Technologie im Fokus vieler Debatten steht – am Ende bleibt die Verwaltung ein System, das von Menschen getragen wird. Moderne Verwaltung braucht nicht nur digitalisierte Abläufe, sondern auch Mitarbeitende, die mitgestalten wollen – und dürfen. Nicht zuletzt muss der Kulturwandel aktiv begleitet werden. Mitarbeitende müssen befähigt werden, datenbasiert zu arbeiten und die Ergebnisse analytischer Modelle sinnvoll in ihre Entscheidungen zu integrieren. Dafür sind gezielte Schulungen, Wissensvermittlung und ein Rahmen für verantwortungsvolle Nutzung erforderlich. Die Finanzverwaltung steht damit vor der Aufgabe, ihre Attraktivität als Arbeitgeber:in neu zu definieren – ohne ihren öffentlichen Auftrag zu verwässern.

Anwendungsbeispiele von Predictive Analytics

Konkrete Einsatzfelder von Predictive Analytics innerhalb der Finanzverwaltung umfassen unter anderem:

  • Prüfplanung und Risikoselektion: Durch Analyse vergangener Prüfprozesse können Muster identifiziert werden, die auf ein erhöhtes Risiko hinweisen. Dadurch lässt sich der Ressourceneinsatz gezielter steuern.
  • Arbeitssteuerung: Predictive Analytics kann helfen, Arbeitsaufkommen vorauszuberechnen, um Personal besser zu planen und Engpässe frühzeitig zu erkennen.
  • Frühwarnsysteme: Für Bereiche wie Umsatzsteuerkarusselle oder plötzliche Verhaltensänderungen von Unternehmen können automatisierte Erkennungsalgorithmen rechtzeitig Hinweise liefern.

Durch diese Anwendungen wird die Qualität der Entscheidungen erhöht und die Verwaltung ressourceneffizienter.

Voraussetzungen und Rahmenbedingungen

Die Umsetzung solcher Verfahren erfordert einen Ausbau der technischen Infrastruktur – etwa durch leistungsfähige Datenplattformen, Schnittstellen zu Fachverfahren und Tools für maschinelles Lernen. Gleichzeitig müssen organisatorische Voraussetzungen geschaffen werden: Dazu zählen die Bündelung von Analysekompetenzen, die Etablierung interdisziplinärer Teams sowie neue Rollenprofile (wie Data Scientists, Data Engineers oder Digital Strategists).

Predictive Analytics bewegt sich im Spannungsfeld zwischen technischer Machbarkeit und rechtlicher Zulässigkeit. Die Einhaltung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), das Verbot automatisierter Einzelfallentscheidungen ohne menschliche Prüfung und die Transparenz der Modelle sind zentrale Anforderungen.

Ethisch steht vor allem die Frage im Raum, wie Diskriminierung, Intransparenz oder fehlerhafte Prognosen vermieden werden können. Daher ist es notwendig, Modelle regelmäßig zu validieren, deren Wirkungsweise verständlich darzustellen und die Verantwortung bei der Entscheidung beim Menschen zu belassen.

Zudem muss sichergestellt werden, dass Predictive Analytics nicht ausschließlich der Effizienzsteigerung dient, sondern einem gemeinwohlorientierten, fairen und rechtsstaatlich legitimierten Verwaltungshandeln verpflichtet bleibt.

Steuerung, Governance und nachhaltige Implementierung

Für eine nachhaltige Integration von Predictive Analytics in der Finanzverwaltung braucht es Governance-Strukturen, die Ziele, Verantwortlichkeiten und Kontrollmechanismen klar definieren. Empfohlen wird die Schaffung zentraler Einheiten oder Kompetenzzentren, die Know-how bündeln, Standards entwickeln und eine koordinierte Umsetzung sicherstellen.

Zudem sollte die Einführung datenbasierter Verfahren stets von einer strategischen Zieldefinition begleitet werden: Was genau soll mit Predictive Analytics erreicht werden? Welche Risiken sind zu berücksichtigen? Und wie kann die Akzeptanz bei den Mitarbeitenden gesichert werden?

Wichtig ist auch die iterative Entwicklung: Pilotprojekte, Tests und kontinuierliche Verbesserung sind notwendig, um die Verfahren unter realen Bedingungen zu optimieren und Vertrauen in die neuen Steuerungsinstrumente aufzubauen.

All diese Punkte sind in der österreichischen Finanzverwaltung bereits umgesetzt.

Perspektiven für die Zukunft

Langfristig bietet Predictive Analytics der öffentlichen Verwaltung die Möglichkeit, proaktiver, zielgerichteter und agiler zu agieren. Dabei geht es nicht um einen Ersatz menschlicher Entscheidungen, sondern um deren qualitative Unterstützung. Predictive Analytics kann zu einem wichtigen Baustein einer modernen, datengetriebenen Verwaltungssteuerung werden, wenn es verantwortungsvoll eingesetzt wird.

Die Finanzverwaltung hat aufgrund ihrer Datenlage, ihrer Struktur und ihrer gesellschaftlichen Relevanz eine besondere Ausgangsposition, um hier eine Vorreiterrolle einzunehmen. Voraussetzung ist jedoch ein umfassender kultureller und struktureller Wandel, der über die reine Einführung von Technologie hinausgeht.

Über den Autor:

Christian Weinzinger war lange Zeit bei KPMG in den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Beratung, Forensik und Data Analytics tätig. Nun ist er Leiter des Predictive Analytics Competence Centers (PACC) im Bundesministerium für Finanzen in Österreich. Schwerpunkt der Abteilung ist die Risikobewertung (ex-post, in Echtzeit) und die Betrugsprävention sowie die digitale Prüfung im Steuer- und Zollbereich unter Einsatz von Machine Learning und Künstlicher Intelligenz.

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