Wie sieht die Steuerberatung der Zukunft aus? Welche Trends und Herausforderungen bestimmen den TaxTech-Markt im Jahr 2026 – und welche Chancen entstehen durch den Einsatz neuer Technologien?
Um diese Fragen fundiert zu beleuchten, haben wir führende Expert:innen um ihre Einschätzungen gebeten. In dieser Beitragsreihe schildern sie, welche digitalen Entwicklungen und regulatorischen Änderungen ihrer Ansicht nach die Branche am stärksten verändern werden.
Christoph Brandstetter, Senior Manager bei WTS Digital, wirft einen differenzierten Blick auf Themen wie wachsende Compliance-Anforderungen, den produktiven Einsatz von KI und den tiefgreifenden Wandel durch Echtzeitdaten. Er beschreibt nicht nur, wo die Branche heute steht, sondern auch, welche Kompetenzen für Steuerexpert:innen künftig unverzichtbar werden – und wie eine verantwortungsvolle Nutzung von KI gelingt.
Aus meiner Sicht wird der TaxTech-Diskurs 2026 von drei Themen geprägt sein: dem massiven Zuwachs an Compliance-Anforderungen, dem produktiven Einsatz von KI im Alltag der Steuerpraxis und dem Übergang zu Echtzeitdaten in der steuerlichen Berichterstattung.
Der größte Treiber der Digitalisierung ist weiterhin der wachsende Druck durch neue, komplexe Regelwerke – etwa im Bereich Mindestbesteuerung und globaler Transparenzanforderungen. Unternehmen versuchen diese Anforderungen heute mit einer Mischung aus Standardsoftware, Erweiterungen bestehender Tools und Eigenentwicklungen abzudecken. Das eigentliche Bottleneck ist aber nicht mehr die Toolauswahl, sondern die dauerhafte Pflege: Gesetze und Verwaltungspraxis ändern sich laufend und kurzfristig, während die Systeme stabil und auditsicher bleiben müssen. Der eigentliche Game Changer wäre eine KI, die globale Gesetzesänderungen in Echtzeit erfasst, mit Literatur und Rechtsprechung verknüpft und daraus konkrete, qualitativ hochwertige Umsetzungsvorschläge für das bestehende Tool-Ökosystem ableitet – bis hin zum Hinweis: „In Maske X wird für Land Z ein zusätzliches Feld zur Erfassung von Information Y benötigt.“ Dorthin sind wir noch nicht gekommen, aber wer weiß was 2026 uns bringt.
Schon heute sehen wir allerdings, wie stark generative KI die tägliche Arbeit verändert – insbesondere in der Recherche. Tätigkeiten, für die man früher Stunden mit Kodex, Kommentaren und Aufsätzen verbracht hat, lassen sich heute in wenigen Minuten als strukturierte Voranalyse durch ein LLM vorbereiten, deren Quellen und Schlussfolgerungen dann von Expert:innen geprüft werden. Das verschiebt die Rolle junger Steuerexpert:innen: klassische „Junior-Aufgaben“ fallen weg, dafür wird viel früher erwartet, dass man das große Ganze versteht und eine Reviewer-Rolle einnimmt. Parallel dazu nutzen immer mehr Mandant:innen selbst KI-Tools und kommen künftig mit vorstrukturierten eigenen Analysen in die Beratung. Sie erwarten dann häufig „nur“ noch eine qualifizierte Würdigung und Abnahme – und im Zweifel auch Kostenvorteile, weil ein großer Teil der Arbeit ja vermeintlich bereits von der eigenen KI erledigt wurde. Hier liegt ein zentraler Spannungsbereich für das Geschäftsmodell der Steuerberatung: Wenn KI bestehendes Recht immer besser anwenden kann, stellt sich die Frage, ob der Steuerberater in der Wahrnehmung mancher nur noch als „Versicherungsschicht“ übrig bleibt – oder ob es gelingt, neue Beratungsfelder und Wertschöpfung zu definieren.
Einen weiteren Strukturwandel erwarte ich durch Echtzeitberichterstattung und Continuous Transaction Controls. Für Unternehmen in Österreich, Deutschland und Europa bedeutet das mittelfristig: Steuer- und Finanzdaten entstehen und fließen nicht mehr punktuell zu Stichtagen, sondern laufend. Compliance-Anforderungen steigen dadurch zunächst – technisch, organisatorisch und prozessual. Strategisch bietet diese Entwicklung aber auch eine Chance: Wer seine Datenströme sauber aufsetzt, kann dieselben Informationen, die „für die Behörde“ bereitgestellt werden, gleichzeitig für interne Steuer-Analytics, Risk Monitoring und Steuerstrategie nutzen. Die Herausforderung bis 2026 wird darin bestehen, diese Transformation nicht nur reaktiv als Pflichtprojekt zu begreifen, sondern eine Daten- und Systemarchitektur zu etablieren, die echten Mehrwert für das Unternehmen stiftet. Auch scheint es aber so, das große, in den letzten Jahren gewachsene Konzerne noch viel Aufholbedarf bei der Integration von heterogenen ERP-Landschaft haben.
Über allem steht die Frage nach Verantwortung, Qualität und Haftung. Technisch können wir heute bereits Belege automatisch verbuchen, Daten laufend plausibilisieren, Verrechnungspreisdokumentationen vorstrukturieren oder Tax-Reports KI-basiert optimieren. Noch weitgehend ungeklärt ist jedoch, wer im Fehlerfall wofür haftet – insbesondere, wenn KI-Systeme als „Co-Pilot“ mitentscheiden. Dieser Punkt bremst den flächendeckenden Einsatz stärker aus als die Technologie selbst und ist der Grund, warum es in der Steuerwelt noch weniger „fertige“ KI-Produkte gibt als in anderen Branchen. Gleichzeitig herrscht ein hohes Maß an Experimentierfreude: Viele Kanzleien und Steuerabteilungen stehen vor der Wahl, entweder abzuwarten, was der Markt bringt, oder selbst kontrollierte Experimentierräume aufzubauen.
Für die Talente der Zukunft bedeutet das: Fachliches Steuerwissen bleibt unverzichtbar, aber es reicht nicht mehr aus. Essenziell wird das Verständnis, welches KI-Tool wie und wann eingesetzt werden kann, und wie man dessen Output kritisch würdigt. Hinzu kommt technisches Grundverständnis für Datenflüsse und Schnittstellen sowie Know-how zu den rechtlichen Rahmenbedingungen von KI im Steuerkontext. So wie heute niemand mehr ernsthaft in Frage stellt, dass Word, Excel und ähnliche Tools zur Grundausstattung gehören, wird es in wenigen Jahren selbstverständlich sein müssen, souverän mit KI-Systemen zu arbeiten. KI aus dem Arbeitsalltag auszuklammern, wäre dann in etwa so, als würde man dem Team den PC verweigern. Die Kunst wird darin liegen, dieses neue Werkzeug verantwortungsvoll, qualitätsgesichert und mandantenorientiert in die Steuerpraxis zu integrieren.
Über den Autor:

Christoph Brandstetter
Christoph Brandstetter ist seit 2022 bei WTS im Bereich Corporate Tax und Digitalisierung tätig. Mehr als 15 Jahre berät er die Umsetzung von steuerlichen Lösungen mit dem Fokus auf Corporate Tax, Steuerkontrollsysteme sowie Prozessautomatisierung multinationaler Unternehmen.
Christoph Brandstetter unterstützt Kunden bei der Berechnung sowohl laufender und latenter Steuern als auch die globale Mindestbesteuerung (BEPS Pillar Two).


